Auguste Rodin

Die Bürger von Calais (A. Rodin)

Die Bürger von Calais

Auguste Rodin

Kunstmuseum Basel

 

 

Je größer die Kunst, umso schwieriger ihr Verständnis. Gewöhnlich dauert es 100 Jahre, bis sich die Allgemeinheit – von dem Strohfeuer einer ersten „Begeisterung“ abgesehen – an ein Genie und sein Werk wirklich gewöhnt hat.

Bei Rembrandt dauerte es über 200 Jahre. 

 

Wer war dieser Auguste Rodin (1840-1917) ?

 

Auguste Rodin wird gerade selbstverständlich. Eine Ausstellung seiner Werke folgt zur Zeit der anderen. 

In Martigny war zu erleben, wie eine Großmutter mit der Enkelin die Gruppe „Der Kuß“ betrachtete; die beiden machten sich gegenseitig auf Besonderheiten der Darstellung durch Fingerzeig aufmerksam und umschritten langsam die Plastik – was um 1900 noch unmöglich wäre. 

Rodin hat das Tabu der Geschlechterliebe durch die plastische Kunst aufgehoben.

Hat er noch mehr Tabus aufgehoben ? 

Oh ja: er machte das Häßliche und Abstoßende ebenso wie das Einmalige und Flüchtige zum Gegenstand großer Kunst und verlieh der unbeständigsten Individualität durch das Bildnis klassische Dauer. Die Tragik des Genies stellte er ebenso hinreißend dar wie die Passion des Selbstopfers, der Entsagung.  

Rodins geniale Sprache ist der menschliche Körper….

 

Rodin musste sich über 35 Jahre lang – fast ein halbes Leben – aus inneren und äußeren Schwierigkeiten,  mit übermenschlicher Geduld und nie versagendem Fleiß frei arbeiten, ehe er seinen Genius in Jahrhundertwerken „Der Mann mit der zerbrochenen Nase“, „Das eherne Zeitalter“ und „Johannes der Täufer“ zur Offenbarung bringen konnte. Nun war er über Nacht der Bildhauer der Epoche geworden und hatte anspruchsvollste Bildnis- und Denkmalsaufträge zu bewältigen:  erhielt 1880 den Auftrag zum „Höllentor“, 1884 zu den „Bürgern von Calais“ und 1891 zum „Balzac“ – drei Problemaufträge, die Rodin auf ganz persönliche Weise erfüllte und deren Resultate Weltkunst wurden. 

 

Wortlos überließ es Rodin dem Betrachter, seine Aufmerksamkeit auf das Herz zu fokussieren und sich mit der Seele seiner Werke zu verbinden.

 

Die Bürger von Calais

 

DIE APOTHEOSE DES VERZICHTES…oder der HINGABE.

 

Was hat es mit den „Bürgern von Calais“ auf sich ?

Oder, wie eine Amerikanerin einmal vor der Gruppe fragte: 

„Wer sind diese schrecklichen, dürren Gestalten?“

 

 

Das Geschichtsbuch antwortet:

Im Jahre 1347 belagerte der englische König Eduard III die Stadt Calais und hungerte sie aus. Er wollte von Mord und Brandschatzung absehen, wenn sechs der vornehmsten Bürger sich barhaupt, nur mit einem Hemd bekleidet und mit einem Strick um den Hals, den Schlüssel von Stadt und Kastell tragend, in seine Hand gäben. Und die sechs fanden sich; in dem Bewusstsein, für die Vaterstadt ihr Leben lassen zu müssen, traten sie vor den Sieger hin; wurden aber durch die Fürsprache der hochschwangeren Königin, wider alles Erwarten begnadigt…..

 

Über 500 Jahre später erteilte die Stadt Calais Auguste Rodin den Auftrag zu einem Denkmal, das den Opfergang der Sechs verherrlichen sollte. Und dem Bildhauer gelang, indem er rücksichtslos aus der konventionellen Denkmalskunst ausbrach, die einzigartige Darstellung der „Apotheose des Verzichtes“….

 

Eine Botschaft also, die sich inzwischen in 12 Repliken über die ganze Erde verbreitet hat. 

Auf die geheimnisvolle Weise lädt sie ein, unsere höchste Aufmerksamkeit auf die Tatsache zu richten, das des Calais-Denkmal, eine Nordfranzösische Stadtangelegenheit, Menschheits-Bedeutung bekommen hat.

 

Welchen Wert hätte ein Groß-Kunstwerk, wär es nicht eine Botschaft zum Gemeinwohl der Menschheit ....

 

Es zeigt uns auf, dass dieses Jahrhundert der Macht- und Konsumexpansion mit seinem Potential der Erdvernichtung in Wirklichkeit nur durch Entsagung, durch einen Verzicht, den jeder einzelne von uns, von sich selbst zu fordern hat.

 

Wie das zu bewerkstelligen sei, stellte Auguste Rodin an den sechs Beispielen seiner 

„Bürger“ dar:  

 

Es war ein Akt der Hingabe, wie auch immer der Einzelne es ertragen hat.

 

Wir sehen in das seelische Antlitz unserer Zeit, von Männern verschiedenen Alters und Wesens repräsentiert¨  Sinnlosigkeit – Ergebenheit – Verbitterung – Verzweiflung .....

Es sind nicht Darstellungen physischer, sondern Darstellungen seelischer Leiblichkeiten....

 

Da ist der Sockel: ist der Sockel Symbol der Gebundenheit an die Erde und die Verbundenheit mit der Erde…. 

und stellt die Gruppe die Menschheit dar…?

 

Da ist der reife Alte, der den Verzicht einfach zum Leben dazurechnen kann; ist es das Vertrauen in die Kraft, die alles erschafft und nährt ? Wie nahe ist er dem Sein?

 


 

Da ist der Jüngling, der das Leben noch gar nicht richtig ergriffen hat und verzichtet, aber sein Schicksal nicht begreifen kann; ist der Blick des Jünglings ein Suchen nach hoffnungsvollem Licht ? Und kann er noch an eine segensreiche Zukunft glauben ?

Wollen oder können diese Lippen noch etwas aussprechen oder sind es erstarrte Lippen?


 

Da ist der grimmige Schlüsselträger, dessen übermächtige Willenskraft den Verzicht erstarren lässt; kann er noch Liebe empfinden… kann er noch das kostbare Geschenk annehmen zu leben? Kann er sich für den bisherigen Weg loben…würdigt er sich für all seine Erfahrungen ?

 


 

Und so fort….

 

Hat dieser geniale Schöpfergeist, dem Weg der Äquinoktien folgend, mit dem „Ehernen Zeitalter“ und „Johannes dem Täufer“ die beiden „Alten Zeitalter“ dargestellt, und mit den „Bürger von Calais“  - diesem Gruppenbild – das „Neue Zeitalter“, das allmähliche aufblühende Gruppenbewusstsein, die Schönheit der intuitiven Seele, den Glanz des allumfassenden Geistes...?

 

Durch die Begegnung mit dem malenden und schreibenden Heilpädagogen Albert Wallat ergab sich eine Team-Arbeit – die fotografische Darstellung der beiden Großwerke Rodins

“Die Bürger von Calais“  und das „Höllentor“.

Albert Wallat hatte Anfang der Sechziger in Basel  zeichnerische  Bestandsaufnahmen der „Bürger“ gemacht; damals wollte er seine Texte durch Zeichnungen illustrieren.  Er machte mir den Vorschlag, dieses Kunstwerk auszufotografieren.

 

Im Jahre 1983 bin ich diese einzigartige Bronze-Gruppe mit über 400 Aufnahmen „angegangen“,  im Hofe des Kunstmuseums Basel. 

Mich hatte diese Skulptur innerlich gepackt und tief berührt.

Ich erfuhr bei dieser Arbeit, die Unerschöpflichkeit eines solch genialen Kunstwerkes und daß niemals alle Perspektiven zu erfassen sind.

Steht man vor diesem Kunstwerk, vor der sich scheinbar bewegenden Skulptur, so fühlt man, daß diese Figuren mit unmittelbaren Leben erfüllt sind; man glaubt tatsächlich, Wesen aus Fleisch und Blut vor sich zu haben, mit unmittelbarem Leben erfüllt und atmen.

Beim Fotografieren versetzte dieses Großwerk meine Kräfte in fieberhafte Anspannung.

 

Bilder sollten in Buchform erscheinen und es dem Betrachter ermöglichen, unabhängig von Raum und Zeit, dieses Grosswerk bildhauerischer Kunst erschöpfend zu meditieren. Der Museumsdirektor, Dr. Christian Geelhaar, sehr beeindruckt und begeistert,  wollte im Kunstmuseum ausstellen, uns bei den Bildbänden unterstützen und veranlasste den Museumsdirektor in Zürich ein Gerüst aufzubauen um auch die „Höllenpforte“  aus zu fotografieren. Dies geschah im Jahre 1984 mit 600 Aufnahmen.  

 

Dr. Christian Geelhaar meinte, daß der Betrachter erleben wird, daß  die Kunst der Fotografie gegenüber den bildenden Künsten die Fähigkeit hat, von Ort und Zeit unabhängig zu machen: kein Betrachter kann ein plastisches und noch dazu mehrfiguriges Kunstwerk optisch- haptisch in allen seinen Perspektiven und Belichtungen erfassen; erst die Fotografie, die zur vollkommenden Sinnenfälligkeit und Ruhe gebrachte „Aufnahme“ eines Kunst-Objekts, ermöglicht der Seele des Anschauenden – wo und wann auch immer – die persönliche und ganz und gar individuelle „Aufnahme“, die dann zum geistigen Erlebnis der künstlerischen Botschaft des Werkes führen kann. Selbst einer einzigen gekonnten Fotografie gegenüber ist dieser seelische Prozess realisierbar.

Dr. Geelhaar sagte, daß obwohl er 10 Jahre lang tagtäglich an diesem Kunstwerk vorbeiging, er erst jetzt dieses Kunstwerk dank den Fotografien wahrnehmen könne. 

Wir sprachen über die ganze Tragik, Größe, Tiefe und Unermeßlichkeit des menschlichen VERZICHTES, des menschlischen SICH OPFERNS FÜR DEN ANDEREN, am Beispiel dieser Bürger.

 

Doch leider lief es nicht nach Plan...

Es verstarb mein Freund Albert Wallat, die Schriften waren nicht mehr auffindbar und es verstarb der Museumsdirektor Dr. Christian Geelhaar.

Damit mussten beide geplante Projekte aufs Eis gelegt werden.

 

Sowohl innere als auch äußere Impulse führten dazu, diese beiden Projekte wieder 

anzugehen, wohlwissend, dass es eine große Herausforderung wird, diese beiden Monumentalwerke in Wort und Bild darzustellen.

 

Die Höllenpforte (A. Rodin)

Das Höllentor

Von Auguste Rodin

 



Auguste Rodin hatte sich für dieses Monumental-Kunstwerk an der „Götlichen Komödie“, ein Jahrtausendwerk von Dante Alighieri inspiriert. In diesem Versepos weist Dante den Weg aus höllischen Tiefen in himmlische Höhen. Er schildert eine abenteuerliche Reise durch die „Hölle“ und das „Fegefeuer“ ,  um diese Reise am Ende mit einer überirdischen Liebesgeschichte zu verknüpfen.

Lediglich das „Inferno“, der erste Teil, soll der Ausgangspunkt für sein monumentales Tor werden.

 

An ein Tor gelangte auch Dante, bevor er seinen Weg zur Hölle antritt.

Auf diesem Tor sind oben die Worte zu lesen:

„Durch mich geht es zur Stadt der Leiden,

Durch mich geht es zum ewigen Schmerz,

Durch mich geht es zu den verlorenen Menschen.

Die ihr hereinkommt: Lasst alle Hoffnung fahren!“

 

An einen Freund schrieb Rodin:

Ich bin mit dem Studium des Dante’schen Werks beschäftigt. Bevor ich mit der Arbeit beginne, muss ich versuchen, mich in den Geist dieses bemerkenswerten Dichter 

hineinzuversetzen.

 

Inferno, existenzielle Verlorenheit – darum geht es dem französischen Künstler in seinem Hauptwerk. Ein halbes Leben, 37 Jahre,  arbeitet Rodin an seinem „Höllentor“, einer monumentalen Skulpturengruppe. 

 

186 Figuren sind es insgesamt.

Untergebracht sind sie auf einem riesigen Bronzeportal. Mehr als sechs Meter ist es hoch und vier Meter breit. Es gilt als sein bedeutendstes Werk, obwohl es „unvollendet“ ist.


Die Figuren ringen mit der Hoffnungslosigkeit und der Endgültigkeit des Todes.

Menschenleiber….Männer, Frauen, Alte, Junge, einzeln, in Paaren oder wie Trauben dicht aneinanderhängend - sie taumeln, fallen, stürzen in haltlose Tiefe, streben nach oben. 

Junge blühende Körper, längst verwelkte und verdorrte Leiber. Angestoßen und in Bewegung gehalten von ihren Lüsten wie von ihren Lastern, vom unstillbaren Drang zu leben. Auf der ewigen Suche nach Erfüllung und gekennzeichnet am Ende von Vergeblichkeit, Elend und Verzweiflung.

In diesem Höllentor kann man die unsagbare Not dieser verirrten Seelen empfinden, die heillose Ohnmacht, dem Schicksal ergeben.....

 

„Der Denker“

In der Mitte des Tympanons stand diese weltbekannte Figur zunächst für Dante, den Autor der „Göttlichen Komödie“, um dann – in Erweiterung ihrer Bedeutung auf den sinnenden Menschen – den Titel „Der Denker“ zu erhalten. Sie wurde häufig als eine Art Selbstporträt betrachtet. 

Tatsächlich kann man in diesem Denker einen kreativen Realist mit energischem Geist entdecken, der als willenstarkes Gesamtwesen lebte und schaffte.

Schwer und massig hockt „Der Denker“ da, ein wenig nach vorn geneigt. Auf blankem Fels. Alles an ihm wirkt schwer – sein muskelschwerer Körper, sein Kopf, der schwer auf seiner aufgestützten Rechten lastet, schwer die Gedanken, in die er versunken. Mit seinen angespannten Füßen und gekrümmten Zehen scheint er am glatten Felsen Halt zu suchen, während sein Blick hinunterfällt. Hinunter auf die Gestalten, in die Tiefe der menschlichen Seele. 

Besinnt er sich auf die alte und ewig neue Frage des Leidens und Schmerzes, und nach dem „Wozu“ dieses Lebens ?

Oder versucht sein Geist Halt zu fassen in der Bedeutung, „Denken ist Erschaffen“, daß dieses Denken Probleme erschafft und diese Probleme nicht auf derselben Ebene gelöst werden können... 

Kann sich die Sonne des Erkennens sich am Horizont seines Bewusstseins zu erheben beginnen ?

 

Nach Betrachtung der Höllenpforte schrieb Rainer Maria Rilke:

„So sind die Gebärden der Menschheit, die ihren Sinn nicht finden. Gesten, bei denen nur der Ausgangspunkt und Endpunkt wichtig waren. Das Ergreifen war anders geworden; viel mehr Mutlosigkeit und ein Angehen gegen Widerstände, viel mehr Trauer um Verlorenes. Rodin schuf diese Gebärden“.

 

Was hat Rodin in die schwarze Bronze des „Höllentors“ gebannt?

Sind es die verstörenden Gebärden,  die unsere jetzige Zeit hervorbringt. Das aufgewühlte Sich-Bewegen allenthalben ? 

Gab es Zeiten davor, als die Ausgangs- und Endpunkte aller Lebensbewegungen noch vorgezeichnet waren? Und in denen die Fragen der Menschen nach Sinn und Zweck des Daseins ihre wohlbegründete Antwort fanden?

 

Für Rodin steht etwas außer Frage: 

Die Kunst enthüllt den Menschen den Sinn ihrer Existenz. Es ist wie ein Sprudeln intellektueller Kräfte, das in vielfachen Kaskaden herunterfällt, bis es das große stets bewegte Gewässer bildet, das den geistigen Zustand einer Zeit darstellt.“

 

„Die drei Schatten“. 

Auf dem Teil des Höllentors, der den Tympanon umschließt stehen „Die drei Schatten“.

Sie werden praktisch als reines Schmuckelement betrachtet, als Bekrönung.

Sie sind viel heller als der Rest des Höllentors. Sie sind nicht fertiggestellt. 

 

Welche Bedeutung haben diese drei Figuren, diese Dreiheit,  oberhalb des Höllentors ?

Und warum sind sie nicht fertiggestellt ? 

War es Absicht des Bildhauers ?  Befindet sich die Bedeutung noch im Schattendasein ?

Kann es sein, daß der Kader das Erdelement darstellt, die Figuren innerhalb des Kaders das Wasserelement, der Denker das Feuerelement und die drei Figuren oberhalb des Höllentors das Luftelement?

Es würde Sinn machen, die Dreiheit als Luftdreieck, als Lichtdreieck wahrzunehmen, die die weltliche Natur transzendieren könnte.

 

Die drei Lichter, die 3 Aspekte der Intuition, als höherer Idealismus, als höhere Intuition und höheres Verstehen.

 

Warum sind die Hände der drei Figuren oberhalb des Höllentors nicht fertiggestellt?

Kann es sein, dass damit dargestellt wurde, dass die drei Aspekte des Lichts noch nicht „handlungsfähig“ sind in der dreifachen Form ?


So schrieb Dante am Ende seines langen Weges durch „Inferno“ und „Purgatoria“  - durch „Hölle“ und „Fegefeuer“ – im letzten Gesang des „Paradiso“ :

 

„Ich näherte mich dem Ziel all meines Verlangens,

denn immer reiner wurde mein Blick,

Und mehr und mehr trat ich ein 

In den Strahl des hohen Lichts,

das aus sich selbst Wahrheit ist.“

 

Die Beschreibung, die Erklärung ist nicht das, was beschrieben wird noch das, was erklärt wird. Das Wort, der Satz, die Erklärung sind nicht die Wirklichkeit. Aber das Wort wird als  Mittler der eigenen Gedanken, der eigenen Gefühle benutzt, und das Wort birgt das Gefühl, das man selber hat, obgleich dieses einem anderen nicht vermittelt wird.